Teil 4 – Wie finde ich meinen ganz eigenen Rhythmus?

Wie finde ich meinen ganz eigenen Rhythmus?

Eigene Zeitrechnung
Ich hatte den Fokus ausschließlich bei mir und meinem Heilungsprozess und habe mich nicht von anderen beeinflussen lassen. Es entwickelt sich eine Eigendynamik und man empfindet vieles leichter, wenn man erst einmal in seinem eigenen Prozess steckt. Und so stellte ich Stück für Stück fest, dass ich langsam angefangen hatte, anders über die gesamte Thematik zu denken und mich besser zu fühlen. Auch der Erfolg stellt sich vermeintlich einfacher und schneller ein. Es ist, als ob man in einer eigenen Zeitrechnung lebt – immer einen Schritt vorwärts und eine Stufe nach der anderen, mit dem Blick auf die nächste wichtige Aufgabe. Ich habe meinen ganz eigenen Rhythmus gefunden.

Erster Erfolg
So zeigten sich bereits nach fünf Wochen (die mir selbst sehr viel länger vorkamen) die ersten richtigen Erfolge. Die Mediziner und Physiotherapeuten waren vollkommen überrascht. Ich hatte mich bereits zu ungefähr 70% aus der Versteifung herausgearbeitet! Mit solch einem Heilungsverlauf hatte niemand gerechnet. Am allerwenigsten ich selbst und so war ich auch entsprechend erfreut.

Angst als Gegenspieler
Mein Arzt war nach wie vor der Überzeugung, dass eine Rückkehr in meinen Sport, so wie ich es mir vorstellte, mit dem künstlichen Teilgelenk nicht möglich ist. Und natürlich habe ich auch viel gelesen, um so viele Informationen wie möglich zu meiner Situation zusammen zu tragen. Da war unter anderem auch die Rede davon, dass solch ein künstliches Teilgelenk nur ca. 10 – 15 Jahre hält und sich dann unter Umständen lockern kann, was zu einer neuen Operation und einem größeren Titanersatz führen würde. Diese Horrorvision kam immer wieder auf, erneute OP’s und am Ende ist vielleicht keine weitere Knochenmasse mehr vorhanden, um eine weitere Lösung anzugehen? Das waren Gedanken, die aus meiner Angst heraus stets präsent waren.

Statt mich vor diesem Horrorszenario zu fürchten oder mich einschüchtern zu lassen, habe ich es als Antriebskraft genutzt… Ich habe die Angst auf einer tieferen Ebene verstanden. Meine Erkenntnis daraus ist bis heute – laufe nicht davon, verdränge die Angst nicht. Und vor allem: Ich lasse nicht zu, dass mich äußere Einflüsse und unbekannte Eventualitäten in Lebensverhältnisse drängen die nicht meine sind! Indem ich mich meinen Ängsten stelle, sie annehme und durch Mentaltechniken lerne, diesen Drachen Angst zu zähmen und ihn in Energie umwandle – DAS ist der Schub, der mich weitermachen lässt. Ich nutze das Feuer dieses Drachen als meine Kraft und meine Stärke. Genau das ist die Motivation, die es mir möglich macht, aus einem intakten Flugzeug oder vom Berg zu springen. Wenn ich das alles schaffe, dann kann ich die Angst auch als Instrument nutzen, weiter an meiner Heilung und der Wiederherstellung meiner rechten Schulter zu arbeiten und vor allem meinem Ziel, vollständige Genesung und zurück in den Sport, Stück für Stück näher zu kommen.

Fuck it Moment
Fuck it – ich konzentriere mich jetzt auf das, was ich im Moment machen kann und was ich mir zum jetzigen Zeitpunkt erarbeiten kann. Und zwar ohne mich dabei von eventuellen Zukunftsvisionen ablenken zu lassen. Das JETZT zählt und nur das ist jetzt wichtig.

Ich habe gelernt, Dinge los zu lassen und im „luftleeren Raum“ zu leben, ganz ohne Zeitrechnung und Ablenkungen. Ich habe mich voll und ganz auf den Moment eingelassen, ohne darüber nachzudenken, was in der Zukunft kommen kann oder wird. Ich war meine eigene tapfere und mitfühlende Freundin, die mich durch diese schwere Zeit begleitet hat. Auch mein Kater „Mucki“ hat mir sehr viel Trost gegeben. Durch die Meditation habe ich noch viel mehr zu mir gefunden, denn dadurch habe ich die Kraft, im derzeitigen Moment zu verweilen und zu agieren. Genau so komme ich ins Handeln.

4 Monate später
Vier Monate nach dem Einsatz des Teilgelenks besuchte ich erneut meinen Operateur und bekam den Lohn für meinen Einsatz. Mein Arzt war sprachlos. Er, der mir am Anfang sagte, ich könne meinen Sport mit der „Prothese“ (was für ein Wort!) getrost an den Nagel hängen, saß mir gegenüber und war völlig überrascht, dass ich nach bereits vier Monaten eine Entwicklung im Heilungs- und Wiederherstellungsprozess zeigte, der in der Schulmedizin mit zwei Jahren verzeichnet ist.

Das zweite unglaubliche Glücksgefühl verspürte ich bei dem Gedanken, wieder meinen Fallschirm aufzusetzen. Ich fühlte mich bereit. Meine eigene Zeitrechnung war aufgegangen.

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Der Drache
Was, wenn ich beim Sprung versage?
Natürlich war meine rechte Schulter noch nicht zu 100% belastbar, denn ich hatte noch erhebliche Bewegungseinschränkungen und auch Angst davor, dass sie mich im entscheidenden Moment der Schirmöffnung im Stich lässt. Zum Öffnen meines Fallschirms muss ich mit dem rechten Arm in einer eindrehenden Bewegung nach hinten in Richtung Hüfte greifen, um mit einer ruckartigen Bewegung die Öffnung einzuleiten. Was, wenn ich in diesem Moment versage? Wenn der Schmerz zu groß wird? Wenn die Schulter diese Bewegung nicht ausführen kann? Was, wenn der Öffnungsstoß mir wehtun wird? Wie wird es sich mit der Anströmung der Luft verhalten? Im freien Fall wird mein Körper auf ca. 200 km/h beschleunigt, hält meine Schulter den Luftwiederstand aus? Da war er wieder, der Drache und sah mir direkt ins Auge. Und ich starrte direkt zurück! Ich bin wieder in alte Denkmuster zurückgefallen und ich machte mir wirklich Sorgen.

Wenn Du an die Kante gehst: Sei vorbereitet
Während ich noch über eine Lösung des Problems der Fallschirmöffnung nachdachte, stellte sich heraus, dass mein Partner bereits eine hatte. Er hatte sich diese Frage auch schon gestellt und erklärte mir, dass wir mein Fallschirm-Rig einfach auf links umbauen und ich dann eben mit links den Fallschirm öffnen werde. Ich war so überrascht über diese doch recht einfache Lösung, noch mehr aber darüber, dass meine Motivation und mein Wille offensichtlich auch Spuren bei Menschen hinterlassen hatte, mit denen ich mein Leben teile, und das obwohl sich das meiste nur in meinem Kopf abspielte. Die Angst, der Kampf gegen diesen Drachen, mein innerer emotionaler Kampf gegen die Lähmung und das weiche innerliche annehmen, ließ mich immer wieder aufstehen. Mein Umfeld hat den Erfolg gesehen. Und das nahm ganz offensichtlich auch einen sehr positiven Einfluss auf das Denken und Handeln der Menschen mit mir. Jeder kann sich vorstellen, was das für ein Motivationsschub für mich war.

Nun war die nächste große Prüfung der erste Sprung aus dem Flugzeug nach nur vier (für mich wahnsinnig langen) Monaten nach der OP. Und damit verbunden natürlich das Öffnen des Fallschirmes mit links, was neu für mich war und erstmal eine Umgewöhnung erforderte. Nachdem mein Sportgerät auf meine Bedürfnisse umgebaut war, habe ich viele Trockenübungen gemacht und bin das Ganze mehrere Male am Tag mental durchgegangen. Solange, bis ich wieder vollstes Vertrauen in mich und meine Fähigkeiten hatte. Es ist das Wichtigste, sich mental und körperlich vorzubereiten.

Die Angst blieb: Was, wenn ich versage?
nächsten Montag erzähle ich dir wie es weiterging… stay tuned!

Erfahrungen & Bewertungen zu Katja Seyffardt